Frühstück mit Puccini
Diese Woche war ich für einen Vortrag in Basel und wurde im Gästehaus des Universitätshospitals einquartiert.
Morgens komme ich in den Frühstücksraum und finde einen recht karg eingerichteten Raum, eine Reihe 4er-Tische rechts, eine Reihe 2er-Tische links, dahinter das Buffet, wo eigentlich nichts fehlt, ausser einem bisschen 'Wohlfühlatmosphäre'.
An einem der grösseren Tische sitzen zwei junge Mädels. Die eine hat ein Wacken-Shirt an, was mir natürlich gleich sympathisch ist. An zwei der kleinen Tische sitzen eine vornehm tuende Dame (mit obligatorischer Perlenkette) in den Fünfzigern und ein ausdruckslos dreischauender Herr ende sechzig. Beide sitzen so, dass sie in dieselbe Richtung schauen, also so, dass die Dame den Herrn nur von hinten sieht.
Als ich mit meinem brötchenbeladenen Teller vom Buffet zurück komme, sind die beiden Mädels verschwunden, und ich setze mich an einen der freien 2er-Tische in der Reihe, allerdings finde ich es albern, mich auch noch in die gleiche Richtung einzureihen, also setze ich mich so herum hin, dass ich in die Richung der beiden anderen schaue.
Es ist still in dem Raum und irgendwie unbehaglich. Rechts neben mir sehe ich eine kleine Anrichte mit einem CD-Player und einigen CDs die daneben liegen. 'Ein bisschen Musik wäre wirklich nett', denke ich mir, gehe hin und schaue mir an, was das Angebot so hergibt. Gerade, als ich eine Scheibe mit Gitarrenmusik in die nähere Auswahl ziehe, ertönt ein wenig freundliches "Kann ich ihnen helfen?" hinter mir, und als ich mich umwende, steht eine forsche Dame im Küchenkittel vor mir und mustert mich nicht besonders erfreut von oben bis unten. Ich versuche es mit einem gewinnenden Lächeln und sage: "Ach, es ist nur so still hier, da dachte ich, ein bisschen Musik wäre doch nett...".
Und noch bevor ich Anstalten machen kann, die ausgesuchte CD mit der Gitarrenmusik irgendwie anzubringen, schiebt mich die Dame sanft aber beherzt beiseite und drückt auf den "Play"-Knopf der Anlage. "So.", sagt sie.
Ich setze mich also artig wieder auf meinen Platz und harre der Dinge, die nun kommen mögen. Wie befürchtet, schallt etwa 5 Sekunden später eine gefühlsduselige Opernarie durch den Raum. Ich, gerade dabei, in mein Croissant zu beissen, schaue auf und sehe stirnrunzelnd zur Anlage hin, es schon bereuend, dass ich überhaupt hingegangen war.
Doch plötzlich schaut der bisher so ausdruckslos und leer vor sich hinstarrende Herr von seinem Teller auf, richtet kurz und ein bisschen verklärt die Augen nach oben und sagt: "Hmm, Puccini." Dann schaut er wieder auf seinen Teller und frühstückt weiter.
Ich schmunzle in mich hinein und habe endlich Lust, hier gemütlich zu frühstücken. Die nächste Viertelstunde verbringe ich damit, darüber nachzudenken, dass man ja eigentlich auch mal in der Oper gewesen sein sollte....

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