Und es gibt sie doch!
Da heißt es immer, die Dänen seien so kühl und distanziert – ich selbst behaupte das ja eigentlich auch immer wieder – aber letzten Sonntag wurde ich Zeuge einer großen Ausnahme. Und das Ganze ist um so schwerer zu glauben, weil es sich dabei um einen Busfahrer gehandelt hat.
Jawohl, einen Busfahrer.
Nun aber von Anfang an – ich muß etwas weiter ausholen: es war der zweite Adventssonntag und ich hatte für den Nachmittag Freunde zum Keksebacken eingeladen. Entgegen meinen Erwartungen hatten so viele der Eingeladenen zugesagt, dass ich gar nicht genügend Stühle für alle besaß. Spontan beschloss ich also, noch schnell ein paar Klappstühle bei IKEA zu besorgen (welches glücklicherweise diesen Sonntag geöffnet war).
Also flux in den Bus gesprungen und raus ins Industriegebiet am nördlichen Stadtrand. Der Bus fährt wochenends allerdings nur stündlich, also sputete ich mich, um tunlichst gleich wieder den nächsten Bus zurück nach Hause zu erwischen, schließlich musste der Plätzchenteig noch angerührt und die Wohnung noch ein bißchen hergerichtet werden. Ich rase dann durch das IKEA’sche Möbellabyrinth, entscheide mich in Lichtgeschwindigkeit für den schlichten weißen Klappstuhl in fünffacher Ausführung, samt Auflagekissen, und nehme im Vorbeigehen noch schnell eine kleine Esstischlampe (wollte ich schon seit Ewigkeiten besorgt haben), ein paar Duftkerzen und zwei Fußmatten für den Flur (die ganze Meute kommt ja nachher durch den Schnee zu mir gestapft) mit. Straks zur Kasse, und dann wieder raus ins Schneegestöber und auf zur Bushaltestelle, die sich etwa 150 m entfernt im Tiefschnee erahnen läßt. Schon faszinierend, wie so ein Stapel Klappstühle unter dem Arm minütlich an Gewicht zuzunehmen scheint, wenn man damit ein paar Meter durch den Schnee stapfen muss. Gut, die Tüte mit den sperrigen Kissen und der Rucksack mit dem ganzen anderen Kram haben es auch nicht gerade leichter gemacht. Kurz blitzt ein sehnsüchtiger Gedanke an meinen geliebten kleinen Mazda (dessen Zeit auf der Straße nun ja leider schon eine Weile vorbei ist) durch meinen Kopf. Naja, was solls, denke ich, wenigstens müsste ich den nächsten Bus schaffen. Der biegt dann auch bald um die Ecke, und ich steige mit meinem ganzen Geraffel ein. Gerade habe ich alles in einer Ecke verstaut, da hält der Bus, die Türen gehen auf und der Motor aus. Mitten im Niemandsland zwischen IKEA und dem nächsten Baumarkt. Ich schaue mich um und stelle fest, dass außer mir nur noch der Busfahrer und ein verwirrt dreinblickendes Pärchen aus Island anwesend sind. Wie sich herausstellte, hatten sie die IKEA-Haltestelle verpasst. Der Busfahrer erklärte ihnen, wo sie lang zu gehen hatten und bot ihnen dann plötzlich sogar an, sie an die Haltestelle zurückzufahren. Nee, nee, meinten sie, sie würden schon laufen. Wie sich weiterhin herausstellte, war dies die Endstation und der Fahrer hatte jetzt 20 Minuten Pause, bevor es wieder zurück nach Århus gehen sollte. „Ummpf“, machte ich und sah auf die Uhr, schließlich war mein Zeitplan recht knapp. Aber da war wohl nicht viel zu machen und ich stieg aus dem Bus. Aufgrund meines Akzents (nein, nicht beim „Ummpf“, sondern bei meiner vorausgehenden Frage, wann es denn weiterginge), fragte mich der Busfahrer, ob ich aus Sønderjylland – also Süddänemark – sei. Juhuu, dachte ich bei mir – nun hat es mein Akzent schon wenigstens über die norddeutsche Grenze hinaus geschafft! Wir kamen dann so ins Gespräch und der gute Mann stellte sich als ausgesprochen freundlich heraus. Weil es immernoch stark schneite und im offenen Bus „saukalt“ war, bat er mich doch tatsächlich in sein kleines Pausenhäuschen hinein, spendierte mir einen Becher heißen Kaffe und nötigte mir sogar noch die Hälfte seiner Pausen-Apfelsine auf. Dann wollte er mir auch noch die Fahrt umsonst spendieren, aber ich hatte meine Karte schon beim Einsteigen abgestempelt.
So kann man also tatsächlich innerhalb einer Viertelstunde mit einem wildfremden Menschen ein richtig nettes Gespräch über Gott und die Welt, Arbeitszeit und Urlaubstraumziele führen, ohne dass es sich irgendwie merkwürdig anfühlt.
Im Gegenteil, ich fand es eher sehr bezeichnend, dass alle, denen ich später am Tag davon berichtete, ungläubig die Stirn runzelten und irgendwelche zwielichtigen Absichten vermuteten.
So ist unsere Welt also, dass unerwartete Freundlichkeit mit Argwohn betrachtet und für eher besorgniserregend gehalten wird...
Wie dem auch sei, ich fand das Episödchen ausgesprochen nett und herzerwärmend.
Es gibt sie also wirklich da draußen, die aufgeschlossenen, freundlichen und warmherzigen Dänen.
Man muß nur das Glück haben, sie auch mal zu treffen!

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blindekuh, 08. Dez 10
öhm, also in meinen zweieinhalb Jahren Dauerdänemark sind mir eher die sehr sehr wenig distanzierten oder unfreundlichen Dänen aufgefallen, wenn ich allerdings irgendwo hingehe, um irgendetwas zu erledigen, muss ich immer etwas Extrazeit einplanen......wegen des kleinen Schwätzchens :-) Kommt aber vielleicht auch auf die Gegend an.

Lieben Gruss

blindekuh, 08. Dez 10
Achja: und Sønderjylland und Syddanmark bitte nicht in einen Topf schmeissen, damit kann man sich hier in Syddanmark sehr sehr unbeliebt machen, wie ich feststellen durfte....