Smørrebrød
Schon lange habe ich es mir vorgenommen...hier kommt er endlich, mein Beitrag über den Inbegriff der dänischen Esskultur: Das Smørrebrød!

Jeden Tag um die Mittagszeit finden sich Grüppchen von Dänen bei uns am Tisch zusammen, fördern eine gut gefüllte Gemüsefachbox mit einem schier unüberschaubaren Sammelsurium an Einzelkomponenten aus dem Kühlschrank zutage und bauen sich ihre kunstvollen Smørrebrød-Scheiben. Ein immer wieder faszinierendes Schauspiel.
Nach nunmehr zwei Jahren im Land des Smørrebrøds wage ich mich nun an dieses sensible Thema, und hoffe, ich bin inzwischen halbwegs qualifiziert, mich dazu zu äußern.
Zu Beginn muss ich mit einem weitverbreiteten Irrtum aufräumen: Smørrebrød heißt nicht "Butterbrot", sondern schlicht und simpel "geschmiertes Brot". "Butter" auf dänisch heißt also quasi "Schmier". Auch schön.
Ich habe übrigens mehrfach ausprobiert, in Gegenwart von Dänen den Spruch "Smørrebrød, smørrebrød, rømmpømmpømm" aufzusagen... keine Reaktion. Dieser Ausspruch ist offenbar urdeutsch und der Däne an sich kann damit nichts anfangen, und guckt nur etwas irritiert, während er sich fragt, was der Quatsch wohl bedeuten soll.

Nun aber zum Objekt der Abhandlung. Das Wichtigste vorweg: Beim Smørrebrød kann man sehr viel falsch machen. Obwohl es scheinbar unendlich viele Rezepte und Varianten gibt, würde es einem ungelernten Smørrebrødzubereiter mit 100%iger Sicherheit gelingen, ein oder sogar mehrere No-Go's zu begehen.
Die erlaubten Kombinationen sind mehr oder weniger in Stein gemeisselt; krasse Regelverstöße werden mit Unglauben, Ekelbekundungen und sozial-kultureller Isolation bestraft!
Grundsätzlich gilt: Eine Sache allein aufs Brot zu legen ist unmöglich. So wie wir das eben kennen, Brot-Butter-Schinkenscheibe oder Brot-Butter-Käsescheibe, das geht nicht. Es muss mindestens noch eine Lage dazu, und wenn es nur Sauce ist, obwohl, nein, was sage ich da, auf die Sauce muss eigentlich auch mindestens noch irgendetwas gestreut werden. Grundsätzlich muss man Roggenbrot oder wenigstens dunkles Körnerbrot verwenden, helles Brot ist nur in Ausnahmefällen erlaubt (s.u.).
Am besten, ich gebe mal ein paar Beispiele, wie so ein Smørrebrødklassiker aussehen kann. Man beachte, dass die Reihenfolge beinahe genauso wichtig ist, wie die Kombination der Komponenten!

Klassiker 1: Brot - Butter - gekochtes Ei in Scheiben - Mayonnaise - Krabben - Zitronenschiffchen

Klassiker 2: Brot - Butter - Frikadelle in Scheiben - Rotkohl - Apfelsinenscheibe
(die Apfelsinenscheibe darf auch gegen eingelegte Gurkenscheiben eingetauscht werden)

Klassiker 3: Brot - Butter - Leverpostej (dänische Leberpastete, etwas gröber als unsere Leberwurst, wird in Scheiben aufs Brot gelegt) - eingelegte Rote-Beete in Scheiben - Cornichons
(Man darf auch noch mit Bacon kombinieren, Tomate ist hier auch erlaubt)

Klassiker 4: Brot - Butter - Roastbeef - Remoulade - Röstzwiebeln - geriebener Meerrettich - eingelegte Gurkenscheiben - Tomatenschiffchen

Klassiker 5: Brot - Butter - Rullepølse (gerollte und dann in Scheiben geschnittene Schinkenwurst/Pastete) - Aspik - Zwiebelringe - Tomate (hier ist auch helles Brot erlaubt)

Klassiker 6: Brot - Butter - Salami - Remoulade - Chilipulver
(wobei ich hier mal gehört habe, dass die Frage nach Remoulade oder Majonaise die Nation spaltet)

Klassiker 7: Brot - Butter - längs halbierte Wienerwürstchen - Senf - Ketchup - eingelegte Gurkenscheiben - Röstzwiebeln

Diese Sorten wird man hier in jeder gut sortierten Kantine vorfinden, und die Zutaten wohl auf jedem ordentlichen Buffet. Kein noch so kleiner Supermarkt, der nicht wenigstens das Rüstzeug für ein paar dieser Standards im Regal hat. Oft sogar nach Smørrebrød-Zugehørigkeit geordnet!
Kürzlich wurde im Radio die ganze Vormittagssendung damit verbracht, die Frage zu klären, ob und wenn ja welchen Unterschied es gibt zwischen "Postej" und "Paté", und mit was man welche Variante wie auf dem Brot kombinieren darf. Ist das nicht faszinierend?
Interessanterweise verhält es sich mit dieser "Regeltreue" nicht nur beim Smørrebrød so. In ähnlicher Weise gilt das für andere Gerichte und auch für Gebäck. Also, wenn der falsche Belag auf dem falschen Tortenboden ist, oder die falsche Glasur auf der falschen Creme, dann wird erst einmal spekuliert, welche "eigentlichen" Kuchen denn hier kombiniert wurden.

Um so richtig in die Geheimnisse der dänischen Esskultur einzutauchen muss man wohl eine Weile in einer dänischen Familie leben und essen - eine Erfahrung, die mir bisher leider nicht zuteil geworden ist. Aber vom täglichen Schauspiel am Mittagstisch lässt sich zumindest eins feststellen: Ein richtiges Smørrebrød zu schmieren ist eine hohe Kunst, der unser deutsches, leicht abfälliges "rømmpømmpømm" - Gehabe so gar nicht gerecht wird.
In diesem Sinne: Guten Appetit!

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